Jugendoffizier informiert Schüler der Winfriedschule Fulda über aktuelle Sicherheitspolitik
Was bedeutet eigentlich Sicherheit im 21. Jahrhundert? Mit dieser Frage an die Schülerinnen und Schüler eröffnete Hauptmann Henrik May seinen Vortrag vor den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 10 der Winfriedschule Fulda. Der Jugendoffizier der Bundeswehr war auf Einladung der Fachschaft Politik und Wirtschaft zu Gast, um über aktuelle sicherheitspolitische Entwicklungen zu sprechen und mit den Jugendlichen zu diskutieren. Organisiert wurde die Veranstaltung von den PoWi-Lehrkräften Frau Dickert, Herrn Kaufmann, Frau Koch sowie Herrn Muraca. Dabei nahm sich der Referent für Sicherheitspolitik, der in seiner Tätigkeit einen Beitrag zur politischen Bildung wahrnimmt, zwei ganze Tage Zeit, um mit jeder Klasse des Jahrgangs jeweils zwei Schulstunden lang zu sprechen. Jugendoffiziere sind speziell ausgebildete Offiziere der Bundeswehr, die an Schulen und Universitäten über sicherheitspolitische Themen informieren und Diskussionen über die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik führen.
Im Mittelpunkt seines Vortrags stand das Konzept der „Integrierten Sicherheit“, das in der deutschen Nationalen Sicherheitsstrategie verankert ist. Sicherheit müsse heute umfassender gedacht werden als früher, erklärte May: militärisch, wirtschaftlich, digital und gesellschaftlich. „Sicherheit ist im Alltag allgegenwärtig – aber sie ist nicht selbstverständlich“, betonte der Offizier zu Beginn.
Anhand verschiedener Beispiele machte May deutlich, dass Deutschland bereits heute mit neuen Formen von Bedrohungen konfrontiert ist. So gebe es täglich rund 6.000 Cyberangriffe auf Einrichtungen der Bundeswehr, häufig aus dem Ausland. Viele dieser Angriffe blieben in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu unsichtbar, seien aber Teil einer sogenannten hybriden Bedrohung. „Wir erleben Angriffe, die nicht mit Panzern stattfinden, sondern mit Computern“, erläuterte May.
Neben digitalen Bedrohungen sprach der Referent auch über wirtschaftliche Sicherheit und stabile Lieferketten. Als Beispiel nannte er den Einsatz der Bundeswehr im Roten Meer, bei dem internationale Handelsrouten vor Angriffen der Huthi-Miliz geschützt werden. „Wenn wichtige Handelswege nicht mehr sicher sind, spüren wir das auch in unserem Alltag“, erklärte der Offizier.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Aufgaben der Bundeswehr. Die rund 184.000 Soldaten der Bundeswehr hätten vor allem den Auftrag der Landes- und Bündnisverteidigung. Einsätze würden dabei in der Regel im Rahmen internationaler Bündnisse erfolgen, etwa gemeinsam mit der NATO, im Auftrag der Vereinten Nationen oder im Rahmen von Missionen der Europäischen Union.
Besondere Aufmerksamkeit widmete May der sicherheitspolitischen Lage in Osteuropa. Vor dem Hintergrund des anhaltenden Krieges zwischen Russland und der Ukraine werde derzeit die NATO-Ostflanke verstärkt. Deutschland plane, bis 2027 eine Brigade mit rund 4800 Soldatinnen und Soldaten dauerhaft in Litauen zu stationieren. Neben militärischem Gerät müsse dort auch umfangreiche Infrastruktur geschaffen werden. Viele Soldatinnen und Soldaten würden ihre Familien mitbringen, hinzu kämen zahlreiche zivile Angestellte. „Eine Brigade besteht nicht nur aus Soldaten – sie bringt ein ganzes Umfeld mit sich“, erklärte May.
Zum Vergleich verwies der Jugendoffizier auf die dauerhafte Stationierung amerikanischer Streitkräfte in Deutschland. Der Standort Ramstein Air Base etwa sei seit Jahrzehnten ein zentraler Militärstützpunkt der Vereinigten Staaten in Europa. Ähnlich wie dort entstehe auch in Litauen eine langfristige militärische Infrastruktur mit Kasernen, Materiallagern und Wohnraum für Soldatinnen und Soldaten und ihre Familien. Der litauische Staat finanziere und errichte dabei große Teile der notwendigen Infrastruktur, um die Stationierung der deutschen Brigade zu ermöglichen.
Der Jugendoffizier berichtete dabei auch von eigenen Erfahrungen: Er selbst war bereits in Litauen stationiert und nahm dort an NATO-Übungen teil. Dabei habe er eine deutlich veränderte Bedrohungswahrnehmung erlebt. In der Region sei die Sorge vor einer möglichen russischen Aggression stark gewachsen. Selbst kleine Zwischenfälle könnten dort schnell politische Spannungen auslösen. „Ein versehentlicher Grenzübertritt könnte in einer solchen Lage schnell falsch interpretiert werden“, erläuterte er.
Deutschland würde im Falle eines größeren Konflikts in Osteuropa nach Einschätzung der NATO eine wichtige Rolle als logistisches Drehkreuz einnehmen. Truppen, Material und Versorgungsgüter müssten über deutsche Verkehrswege in Richtung Osten transportiert werden. „Deutschland wäre kein Frontstaat, aber ein zentraler Logistikstaat“, erklärte May.
In diesem Zusammenhang verwies der Offizier auch auf die Bedeutung zentraler Verkehrsknotenpunkte in Deutschland. Große Flughäfen sowie militärische Standorte spielten dabei eine wichtige Rolle für die Verlegung von Personal und Material. Als Beispiel nannte er den internationalen Flughafen Frankfurt sowie den US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein Air Base, die bereits heute wichtige logistische Funktionen innerhalb der NATO übernehmen.
Auch die geografische Lage Fuldas könne in einem solchen Szenario eine Rolle spielen. Durch seine Lage an wichtigen Verkehrsachsen – etwa der Autobahn A66 – befinde sich die Region in einem möglichen logistischen Korridor für militärische Transporte, die von westlichen Umschlagpunkten weiter in Richtung Osteuropa verlegt würden. Infrastruktur und Verkehrswege seien deshalb ein wesentlicher Bestandteil moderner Sicherheits- und Verteidigungsplanung.
Auch der aktuelle Kriegsverlauf in der Ukraine wurde im Vortrag thematisiert. Anhand verschiedener Karten zeigte May, dass sich die Frontlinien in den vergangenen zwei Jahren zwar verändert hätten, insgesamt jedoch ein Stellungskrieg entstanden sei. Russland rücke langsam vor, größere territoriale Veränderungen seien jedoch bislang ausgeblieben. „Wir sehen dort einen Krieg der Abnutzung“, fasste er zusammen.
Zum Abschluss seines Vortrags ging May auf die Diskussion um einen möglichen neuen Wehrdienst ein. Geplant sei, dass junge Menschen mit Vollendung des 18. Lebensjahres einen Brief von der Bundeswehr erhalten. Männer müssten dabei einen Fragebogen ausfüllen, der als Grundlage für eine verpflichtende Musterung dient. Ziel sei es, sowohl die Zahl aktiver Soldatinnen und Soldaten als auch die Reserve zu stärken. In der anschließenden Diskussion wurde auch die Frage aufgeworfen, ob künftig auch Frauen verpflichtet werden sollten, Dienst an der Waffe zu leisten. May verwies darauf, dass hierfür eine Änderung des Grundgesetzes notwendig wäre und auch der Dienst in der Bundeswehr für Männer seit 15 Jahren auf Freiwilligkeit beruht.
Im Anschluss nutzten viele Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, Fragen zu stellen und mit dem Referenten über sicherheitspolitische Themen zu diskutieren. In der späteren Reflexion der Veranstaltung im Fachunterricht äußerten die Schülerinnen und Schüler, dass sie dank des Expertengesprächs eine ganz neue Perspektive kennenlernen durften. Jene praxisnahen Einblicke in die Bundeswehr könnten in klassischem Unterricht nicht gegeben werden.
Lukas Kaufmann