Exkursion des Geschichtskurses der 9F zur Ausstellung „Jüdisches Leben in der Rhön“ am 18.11.2025 mit Dr. Imhof, Fr. Mehler und Hr. Böhne
Autoren und Autorinnen: Hanin Dabia, Julian Wehner, Maximilian Kress, Laureen Meinecke, Amelie Haller, Erwin Tissen, Moritz Weber, Sten Felix, Nils Leitsch, Johanna Brandtner, Emilia Engel, Leni Grüninger, Maike Neufeld, Antonia Baraniak, Marios Tzouras
Bevor es losging, eigneten wir uns zuallererst ein gewisse Grundwissen über die jüdische Geschichte in der Schule an, indem wir uns die Dokumentation „800 Jahre jüdische Geschichte in Fulda“ von Dr. Imhof ansahen. Danach ging es auf direktem Weg nach Gersfeld. Angekommen am Rathaus wurden wir schon freudig von Dr. Imhof erwartet. Er begann direkt von der jüdischen Geschichte in der Röhn zu erzählen. Nach einer sehr informativen Führung durch die Ausstellung begann die Gruppenarbeitsphase. In 2er Gruppen erhielten wir Themen und Fragen, die mit der Ausstellung zu beantworten waren und über die wir eine Präsentation vorbereiten sollten. Jede Gruppe präsentierte anschließend ihre Ergebnisse. Dabei lernten, dass das jüdische Leben in der Rhön und in Fulda eine sehr lange und vielfältige Geschichte hat.
So erfuhren wir zum Beispiel, dass seit 400 Jahren jüdische Familien in der Rhön gelebt haben. In Tann sind Juden seit 1692 urkundliche erwähnt. Ihr Alltag wurde stark durch den Judeneid und die Judenordnung bestimmt. Jüdische Männer mussten einen sogenannten Judeneid ablegen, in dem sie versprachen, Christen zu respektieren und an Sonn- und Feiertagen keinen Handel zu treiben. Außerdem waren Betrug oder Wucherhandel verboten. Die Judenordnung von 1768 regelte das Leben sehr genau und schrieb viele Regeln vor. Juden durften zum Beispiel nicht öffentlich auf dem Markt handeln. Auch die Anzahl der erlaubten Schlachtungen für koscheres Fleisch war begrenzt. All diese Vorschriften ließen den jüdischen Familien nur wenig Freiheit und steckten einen festen rechtlichen Rahmen ab. Die Judenordnung galt bis 1803, als Tann in das bayrische Herrschaftsgebiet eingegliedert wurde.
Ein weiteres historisches Beispiel, zu dem wir in den Gruppenarbeiten recherchierten, war der Hausiererhandel. Ein Hausierer ist jemand, der ohne festen Laden von Ort zu Ort zieht, um Waren direkt an Haustüren, auf Märkten oder auf dem Land zu verkaufen. Typische Waren sind Textilien, Kleingeräte, Haushaltswaren, Werkzeuge und mitunter auch Pfandleihe oder kleinere Dienstleistungen. Hausierhandel war keine explizit jüdische Tätigkeit. Die starke Vertretung der Juden war lediglich ein Ergebnis der rechtlichen Diskriminierung. Da die Juden in vielen deutschen Regionen, so auch der Rhön, sozial stark eingeschränkt waren, blieben mobile Handelsformen wie der Hausierhandel, Trödelhandel, Viehhandel oder die Pfandleihe oft die wenigen legalen Erwerbsmöglichkeiten. Über Jahrhunderte durften die Juden nämlich keiner Zunftbeitreten, keine festen Läden eröffnen, kein Land besitzen und nur bestimmte Berufe ausüben.
Schließlich recherchierten wir während der Exkursion auch zum dunklen Kapitel des Nationalsozialismus und des Holocaust. Wir erfuhren, dass die jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen gezielt vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wurden und ihnen nach und nach sämtliche Rechte entzogen wurden (z.B. das Recht auf Freizügigkeit). Die nationalsozialistische Propaganda zielte darauf ab, die Juden als Feind darzustellen. Beispielsweise wurden die Juden öffentlich dafür verantwortlich gemacht, dass Deutschland den ersten Weltkrieg verloren hatte. Die Umsiedlung vieler Juden in Ghettos war ein weiterer Schritt hin zur Massenvernichtung in den Vernichtungslagern. In den Konzentrationslagern wurden die Juden in „nicht arbeitsfähig“ und „arbeitsfähig“ eingeteilt. Diejenigen, die als „arbeitsfähig“ eingestuft wurden, mussten bis zum Tod arbeiten oder wurden in den Gaskammern mit Zyklon B ermordet.
Die letzten Präsentationen waren dem kulturellen und religiösen Leben der jüdischen Menschen in Deutschland gewidmet. Jüdinnen und Juden haben ihre eigenen Traditionen, Feste und religiöse Regeln, die ihren Alltag prägen. Der Wicca (= Religion) Jahreskreis soll den ewigen Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt beschreiben, der sich in den Jahreszeiten widerspiegelt. Es gibt 8 religiöse Hauptfeste. Anders als der christliche Jahreskreis, der ein Sonnenkalender mit festen Feiertagen wie z.B. Weihnachten ist und der immer 12 Monate und insgesamt 365 Tage hat (bzw. alle 4 Jahre ein Schaltjahr mit 366 Tagen), richtet sich der jüdische Kalender an Sonnen- und Mondzyklen aus, um den religiösen Festen einen festen Platz im Sonnenjahr zu sichern. Ein Jahr hat hier 12 (manchmal 13) Monate mit jeweils 29-30 Tagen. Die Mondzyklen erfüllen die Funktion von Monaten. Neujahr ist in diesem Kalender ca. im September/Oktober.
In der letzten Präsentation stellten wir unsere Rechercheergebnisse zu den beiden Festen Sukkot und Chanukka vor. Sukkot (auch Laubhüttenfest genannt) hat seine Wurzeln sowohl im landwirtschaftlichen als auch im historischen Gedächtnis des Judentums. Biblisch wird es als Fest der Einholung der Ernte beschrieben und war eines der drei Wallfahrtfeste, bei denen Opfer dargebracht wurden. Das Fest erinnert zugleich an die Wüstenwanderung, in der die Israeliten in provisorischen Hütten lebten. Chanukka gedenkt der Makkabäer-Erhebung gegen den Seleukidenkönig Antiochos IV. und der Wiedereinweihung des zweiten Jerusalemer Tempels im 2. Jh. v. Chr. Historisch betrachtet steht also ein politisch-religiöser Befreiungsakt im Vordergrund des Festes. Später entstand die populäre Tradition der acht Tage wegen der bekannten Erzählung vom Ölwunder (ein kleines Ölfässchen brennt acht Nächte). Jedoch merken einige Gelehrte an, dass die Betonung des Tempelereignisses für das Fest ursprünglich relevanter war als die Wundererzählung. Rituell unterscheiden sich die Feste stark. Sukkot ist fröhlich und gemeinschaftlich, während Chanukka vor allem häuslich gefeiert wird. Im christlichen Jahreskreis gibt es keine direkten Entsprechungen, aber es bestehen funktionale Parallelen. Sukkot erinnert an das Erntedankfest. Chanukka ähnelt der Adventszeit, da in der dunklen Jahreszeit durch das Brennen der Kerzen ein helles Licht entsteht.
Zu guter Letzt ging es in einer Führung durch Gersfeld zu den wichtigsten Orten der lokalen jüdischen Geschichte. Auf unserem Weg kamen wir an eingelassenen goldenen Pflastersteinen vorbei, den sogenannten Stolpersteinen. Sie zeigen, welche jüdischen Personen in den dortigen Häusern gelebt haben, bevor sie unter anderem in die Vernichtungslager deportiert wurden. Die Stolpersteine verweisen auf den Namen, die Wohnadresse, das Geburtsdatum und das Todesdatum des Menschen. Anschließend führte uns Dr. lmhof in eine ehemalige „jüdische Strasse“. Dort steht heute ein Denkmal, welches die Namen aller ehemaligen jüdischen Gersfelder Familien auflistet, wobei die verpflichtenden deutschen Namen wie „Weinberger“ oder „Morgenroth“ uns noch einmal deutlich wurden. Nachdem wir die Ruinen der ehemaligen Synagoge und das Gebäude einer alten jüdischen Schule, welches an die Synagoge angeschlossen war, besichtigt hatten, mussten wir auch schon Abschied von Dr. Imhof nehmen, durch den wir an diesem Tag viel über das jüdische Leben in und um Fulda gelernt haben.
In der Ausstellung haben wir gesehen, wie wichtig es ist, jüdisches Leben zu verstehen und zu respektieren, da es ein bedeutender Teil unserer Gesellschaft ist. Dazu gehört auch, die Vielfalt der jüdischen Kultur zu erkennen und sich mit ihr respektvoll auseinanderzusetzen. Der Ausflug hat uns gezeigt, dass Wissen über andere Kulturen hilft, Vorurteile abzubauen. Außerdem sind Offenheit und Interesse die wichtigsten Schritte zu einem friedlichen Zusammenleben. Das und vieles mehr haben wir bei dem Ausflug nach Gersfeld gelernt. Es war ein sehr interessanter und lernreicher Ausflug.
Vielen herzlichen Dank an Herrn Dr. Imhof für Ihre Zeit, Ihr Wissen und für die exklusiven und kostenlosen Führungen mitsamt den Workshops! Ein besonderer Dank gilt auch Hr. Dr. Steffen Korell, der uns die Stadthalle Gersfeld an diesem Tag exklusiv zur Verfügung stellte und uns vor Ort begrüßte. Die Ausstellung war wunderbar geheizt, so dass wir entspannt und produktiv arbeiten konnten.
Lehrer und Lehrerinnen als auch Schüler und Schülerinnen der Winfriedschule sind herzlich dazu eingeladen, das Wissen rund um die Ausstellung im Ausstellungsbegleitbuch von Dr. Imhof nachzulesen, das sich in der Mediathek der Winfriedschule befindet:
Imhof, Michael (2025). Juden in der Rhön. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Michael Imhof Verlag.
Quellen :
- ,,The Hebrew Bible refers to hag ha-asif (‘Festival of the Ingathering’, Exodus 23:16).” -Britannica zu Sukkot, https://www.britannica.com/topic/Sukkoth-Judaism (Zuletzt aufgerufen: 5.12.2025)
- ,,Hanukkah commemorates the Maccabean (Hasmonean) victories and the rededication of the Temple on Kislev 25,164 BCE.” -Britannica zu Chanukka, https://www.britannica.com/topic/Hanukkah)
- https://www.encyclopedia.com/religion/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/peddling (Zuletzt aufgerufen: 5.12.2025)
- https://epdf.pub/queue/jewish-daily-life-in-germany-1618-1945.html (Zuletzt aufgerufen: 4.12.2025)
- https://www.bayreuth.de/rathaus-buergerservice/bildung-wissen/stadtarchiv/neuigkeiten-aus-dem-archiv/juedisches-leben-in-bayreuth/erwerbsleben/ (Zuletzt aufgerufen 1.12.2025)
- https://de.wikipedia.org/wiki/Hausierer (Zuletzt aufgerufen: 5.12.2025)
- https://de.wikipedia.org/wiki/Haust%C3%BCrgesch%C3%A4ft (Zuletzt aufgerufen: 5.12.2025)
- https://de.wikipedia.org/wiki/Reisegewerbekarte (Zuletzt aufgerufen: 5.12.2025)














