„KI, der neue Mensch?“ – Spannende Podiumsdiskussion an der Winfriedschule

Am 23. Oktober lud die Juniorsciencecafé-AG der Winfriedschule zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „KI, der neue Mensch?“ ein. Die Aula war bis auf den letzten Platz gefüllt. Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrkräfte waren gekommen, um sich mit den Chancen und Herausforderungen Künstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen. Henriette Drechsel hieß alle Gäste und Experten herzlich willkommen.

Die 15 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9 bis 13 hatten den Abend eigenständig organisiert. Als Experten waren Professor Felix Averbeck von der Technischen Hochschule Augsburg, Dr. Philipp Schwind von der Universität Zürich und Dr. Michael Reinert, Medizintechniker am Klinikum Fulda, zu Gast. Die Moderation übernahmen Philip Simon und Merle Kökgiran, die souverän durch die von Jakob Kiel gestaltete Präsentation führten.

Im Mittelpunkt der Diskussion standen vielfältige Themen wie Privatsphäre, Fake News, Schule, Medizin, Arbeitswelt und menschliches Bewusstsein. Umfragen unter Schülerinnen und Schülern der Winfriedschule sowie Passanten in der Frankfurter Fußgängerzone lieferten zusätzliche Impulse. Die Ergebnisse und kurze Videoclips der Straßenumfrage wurden direkt in die Diskussion eingebunden. Die Moderatoren stellten den Experten Fragen, die diese aus ihren jeweiligen fachlichen Perspektiven beantworteten. Dabei gingen die Meinungen durchaus auseinander und sorgten für einen lebendigen Austausch.

Besonders deutlich wurde, wie sehr KI bereits unseren Alltag verändert. Mehr als die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler gab an, KI bei den Hausaufgaben zu nutzen. Professor Averbeck warnte davor, dabei das eigenständige Denken und Problemlösen aus der Hand zu geben. Auch Dr. Schwind beobachtet kritisch, dass Studierende KI gerade bei Aufgaben einsetzen, bei denen selbstständiges Nachdenken besonders wichtig sei. Gleichzeitig betonten die Experten die Chancen der Technologie, etwa bei der Auswertung medizinischer Bilddaten oder der Entlastung von Fachkräften. Mit Blick auf die Arbeitswelt waren sie sich einig: Berufe werden sich verändern, aber nicht einfach verschwinden. Professor Averbeck riet den Jugendlichen deshalb, bei der Berufswahl nicht nur auf Sicherheit zu achten: Entscheidend sei, was Spaß mache. Außerdem seien lebenslanges Lernen und Flexibilität immer wichtiger.

Zum Abschluss kehrten die Moderatoren zur Leitfrage des Abends zurück: Ist KI der neue Mensch? Professor Averbeck antwortete klar: „KI ist nicht der neue Mensch – Menschen bedienen sie.“ Dr. Reinert plädierte für eine sinnvolle Kombination aus menschlichen Fähigkeiten und technischer Unterstützung. Dr. Schwind regte dazu an, die Frage umzudrehen: Was fehlt der KI im Vergleich zum Menschen? Sie habe kein Bewusstsein für menschliche Emotionen, keine moralische Verantwortung und keine eigenen Interessen. Damit gab er dem Publikum wichtige Denkanstöße zur Frage, was den Menschen eigentlich ausmacht.

Schulleiter Herr Müller bedankte sich herzlich bei den Experten, dem AG-Leiter Martin Lindenthal und der gesamten AG für den gelungenen Abend. Auch Matilda Marhan richtete Dankesworte an alle Beteiligten, darunter die Bühnen-AG unter der Leitung von Herrn Haubs. Das Juniorsciencecafé wurde vor mehr als zehn Jahren von Martin Lindenthal ins Leben gerufen und hat seitdem bereits neun Veranstaltungen erfolgreich durchgeführt. Der Abend zeigte erneut, wie engagiert Jugendliche wissenschaftliche und gesellschaftliche Fragen aufgreifen und einen anregenden Austausch ermöglichen können.

(Martin Lindenthal)

Möchten Sie noch genauer wissen, wie die Veranstaltung verlaufen ist und was besprochen wurde? Dann finden Sie hier den noch ausführlicheren Bericht:

Drei Experten, drei Perspektiven

Für die diesjährige Podiumsdiskussion konnte die AG drei ausgewiesene Fachleute gewinnen:

  • Professor Felix Averbeck von der Technischen Hochschule Augsburg brachte seine Perspektive auf die Themen Arbeit und Soziales ein.
  • Dr. Philipp Schwind von der Universität Zürich beleuchtete die philosophischen Fragen rund um KI. Er beschäftigt sich aktuell an der Forschungsstelle Glaubwürdigkeit und Vertrauen mit grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft.
  • Dr. Michael Reinert, Medizintechniker am Klinikum Fulda, erläuterte die Bedeutung Künstlicher Intelligenz für die Medizin und den technischen Fortschritt.

Henriette Drechsel begrüßte die Gäste und Experten herzlich. Anschließend übernahmen Philip Simon und Merle Kökgiran die Moderation. Mit einer von Jakob Kiel erstellten PowerPoint-Präsentation führten sie souverän und abwechslungsreich durch den Abend.

Was denken die Menschen über KI?

Die Diskussion war nicht allein auf die Einschätzungen der Experten beschränkt. Im Vorfeld hatten die Schülerinnen und Schüler der Winfriedschule eine digitale Umfrage zu verschiedenen Aspekten Künstlicher Intelligenz durchgeführt. Zusätzlich befragte die AG Passantinnen und Passanten in der Frankfurter Fußgängerzone. Kurze Videoclips dieser Straßenumfrage wurden während der Veranstaltung gezeigt. Die Ergebnisse flossen immer wieder unmittelbar in die Diskussion ein und sorgten für interessante Anknüpfungspunkte.

Von privaten Anwendungen und Fake News über Schule, Medizin und Arbeitswelt bis hin zur Frage nach dem menschlichen Bewusstsein beleuchtete die Runde zahlreiche Bereiche, in denen KI bereits heute eine Rolle spielt.

Dabei wurde deutlich: Die Experten waren sich keineswegs in allen Punkten einig. Gerade die unterschiedlichen Einschätzungen machten die Diskussion lebendig und eröffneten dem Publikum neue Perspektiven.

KI in der Schule: Hilfe oder Verlust des eigenen Denkens?

Besonders nah an der Lebenswelt der Jugendlichen war das Thema Schule. Die Umfrage an der Winfriedschule zeigte, dass mehr als die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler KI bei den Hausaufgaben nutzt.

Professor Averbeck gab zu bedenken, dass es zwar schon immer Möglichkeiten gegeben habe, sich die Arbeit zu erleichtern. Mit KI nehme das Ganze jedoch eine neue Dimension an: Wer die Technologie unkritisch für Aufgaben einsetze, bei denen eigenständiges Denken gefragt sei, laufe Gefahr, die Fähigkeit zum selbstständigen Problemlösen zu verlieren.

Auch Dr. Schwind äußerte sich kritisch. In seinem beruflichen Umfeld beobachte er, dass Studierende KI gerade dort verwendeten, wo eigenes Nachdenken besonders wichtig sei – obwohl dieses manchmal anstrengend sei und Überwindung koste. Dr. Reinert ergänzte, dass diese Problematik ebenso für die Naturwissenschaften und die Mathematik gelte.

Daraus ergab sich eine zentrale Frage der Moderatorin Merle Kökgiran: Muss sich der Umgang mit KI an das bestehende Schulsystem anpassen – oder muss sich das Schulsystem selbst verändern?

Für Professor Averbeck war die Antwort klar: Das System müsse sich anpassen. Die Diskussion machte deutlich, dass es nicht allein darum geht, KI zu erlauben oder zu verbieten. Entscheidend ist vielmehr, wie junge Menschen lernen, die Technologie sinnvoll zu nutzen, ohne ihre eigenen Fähigkeiten aus der Hand zu geben.

Medizin und Arbeitswelt im Wandel

Auch in der Medizin spielt KI bereits eine wichtige Rolle. Dr. Reinert betonte insbesondere ihre Bedeutung für die Auswertung bildgebender Verfahren. Angesichts des derzeit hohen Mangels an medizinischen Fachkräften könne KI zudem dabei helfen, Routineaufgaben zu übernehmen und Fachpersonal zu entlasten.

Im Themenbereich Arbeitswelt waren sich die Experten einig, dass die Zukunft schwer vorherzusagen ist. Dr. Schwind bezeichnete Prognosen zur Entwicklung des Arbeitsmarktes als einen Blick in die Glaskugel. Einen Bereich, der besonders unter Druck geraten könnte, sah er im Journalismus.

Professor Averbeck gab zugleich einen Einblick in seine eigene Arbeit: Er beschäftigt sich damit, einen digitalen „Zwilling Felix“ mithilfe von Claude zu erstellen. Dieser soll ihn künftig bei Aufgaben des beruflichen Alltags unterstützen und Arbeitsabläufe erleichtern.

Die gemeinsame Einschätzung der Experten lautete: Berufe werden sich verändern, aber nicht einfach verschwinden. Umso wichtiger werde es, sich kontinuierlich weiterzubilden und offen für neue Entwicklungen zu bleiben.

Was bedeutet das für die Berufswahl der Schülerinnen und Schüler? Auf die Frage der Moderatoren, welchen Rat sie jungen Menschen geben würden, antwortete Professor Averbeck, man solle nicht danach entscheiden, welcher Beruf vermeintlich am sichersten sei, sondern danach, was einem Freude bereite. Den lebenslangen Beruf gebe es heute kaum noch. Stattdessen seien Weiterbildung, Flexibilität und die Bereitschaft, sich immer wieder auf neue Themen einzulassen, entscheidend.

Globale Abhängigkeit oder mehr Selbstbestimmung?

Ein weiterer Diskussionspunkt war die internationale Entwicklung der KI. Dr. Reinert wies darauf hin, dass Europa derzeit stark von den Entwicklungen in den USA und China abhängig sei und diesen Vorsprung kaum noch aufholen könne.

Professor Averbeck plädierte dafür, den Blick nach vorne zu richten und insbesondere lokale KI-Modelle weiterzuentwickeln. Dr. Schwind teilte diese Einschätzung und ergänzte, dass lokal entwickelte Modelle mehr Selbstbestimmung ermöglichen könnten.

Damit wurde deutlich, dass es bei KI nicht nur um technische Möglichkeiten geht. Auch Fragen der Unabhängigkeit, des Vertrauens und der gesellschaftlichen Gestaltung spielen eine wichtige Rolle.

Ist KI der neue Mensch?

Zum Abschluss kehrten die Moderatoren zur zentralen Frage des Abends zurück: Ist KI der neue Mensch?

Professor Averbeck verneinte dies entschieden: KI sei nicht der neue Mensch – schließlich seien es Menschen, die sie bedienen.

Dr. Reinert betonte, wie wichtig eine gesunde Kombination aus menschlichen Fähigkeiten und technischer Unterstützung sei. Entscheidend sei, den Umgang mit der Technologie zu erlernen und sie sinnvoll und gewinnbringend einzusetzen.

Dr. Schwind schlug vor, die Frage einmal umzudrehen: Was fehlt der KI im Vergleich zum Menschen? Seine Antwort umfasste drei grundlegende Unterschiede:

  • Bewusstsein für menschliche Emotionen: KI kann menschliche Gefühle verarbeiten und beschreiben, besitzt aber kein eigenes menschliches Gefühlsbewusstsein.
  • Moralische Verantwortung: Mit einem Verweis auf Immanuel Kant erklärte Dr. Schwind, dass KI keine eigene Stimme der Vernunft und keine menschliche moralische Verantwortung habe.
  • Eigene Interessen und Ziele: KI verfüge nicht über eigene Interessen im menschlichen Sinne und habe kein eigenes Wohlergehen, das sie verfolgen könne.

Diese Überlegungen führten die Diskussion über die praktischen Einsatzmöglichkeiten der KI hinaus zu einer grundlegenden philosophischen Frage: Was macht uns als Menschen aus – und was lässt sich auch durch die leistungsfähigste Technologie nicht ersetzen?

Ein gelungener Abend dank vieler Beteiligter

Zum Abschluss richtete Matilda Marhan herzliche Dankesworte an das Publikum, die Schulleitung, die Experten, die Bühnen-AG unter der Leitung von Herrn Haubs sowie den AG-Leiter Martin Lindenthal. Auch Schulleiter Herr Müller würdigte den gelungenen Abend und bedankte sich ausdrücklich bei den Experten, dem AG-Leiter und der gesamten Juniorsciencecafé-AG für ihr Engagement.

Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, was Schülerinnen und Schüler auf die Beine stellen können, wenn sie ein Thema eigenständig entwickeln, Verantwortung übernehmen und gemeinsam an einem Ziel arbeiten. Von der Recherche über die Organisation bis hin zur Moderation lag ein großer Teil der Verantwortung in den Händen der Jugendlichen.

Das Fazit des Abends: Künstliche Intelligenz wird unsere Zukunft weiter verändern. Umso wichtiger ist es, ihre Möglichkeiten zu verstehen, ihre Grenzen kritisch zu hinterfragen und selbstständig denken zu lernen. Denn vielleicht lautet die entscheidende Frage nicht, ob KI zum neuen Menschen wird, sondern wie wir Menschen mit ihr umgehen wollen.