Ein Ort voller Ambivalenz – Die Gedenkstätte Breitenau

Ein wunderschöner Garten vereint mit einem eindrucksvollen Klosterensemble auf einem riesigen Hof. Bei sommerlichem Wetter, so wie es am 30. Juni auf dem Ausflug zur Gedenkstätte Breitenau für die AG Jüdisches Leben war, ergab sich eine harmonische Komposition für den Betrachter. Wenn man es nicht besser wüsste, wirkt es auf einen so friedlich, fast schon idyllisch. Eine Idylle, die sich bei einem genauen Anblick in eine Stätte des ewigen Leids verwandelt.

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Das Benedektinerkloster Breitenau wurde zunächst 1113 errichtet, bis es 400 Jahre später durch den Landgrafen Philipp aufgelöst wird und als Pferdestall und Fruchtspeicher fungiert. Immer wieder findet man im Laufe der Geschichte eine Verwendung für diesen Ort, unter anderem auch als Arbeitslager. Dies markiert den Anfang einer Doppelnutzung der ehemaligen Klosterkirche. Einerseits sind die Insassinnen und Insassen des Arbeitshauses untergebracht, andererseits feiert die evangelische Gemeinde ein paar Meter weiter ihre Gottesdienste. In jenem Haus werden Menschen zur „korrektionellen Nachhaft“ untergebracht. Breitenau wird im Juni 1933 eingerichtet und gilt als ein „frühes Konzentrationslager“, welches wie an noch so vielen weiteren Orten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten entsteht. Dann heißt es „Arbeitserziehungslager“ und dient primär dazu, durch Zwangsarbeit umzuerziehen.

„Dabei konnte man aus unterschiedlichsten Gründen zur Zwangsarbeit verschleppt werden“, erzählt der Führer in der Gedenkstätte. Ein sehr einprägsames Beispiel ist Jan Aksman, der aufgrund von „Kartoffeldiebstahls“ eingeliefert wird. So traf es viele andere Minderheiten im Nationalsozialismus und auch Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die nach Deutschland kamen mit der Hoffnung auf eine bessere berufliche Aussicht.

Durch die Führung konnte man sich auch nur ansatzweise diesen ambivalenten Ort damals visualisieren. Während wir gerade eben noch durch den blühend grünen, verwunschenen Garten spaziert sind und uns die einladende und heilige Klosterkirche ansehen durften, betraten wir im nächsten Moment die beengten Duschräume. Was sonst ein privater Ort der Reinheit und Erfrischung sein sollte, bedeutete hier jahrelang Demütigung und Qual durch Nazis. In engstem Raume sollten Menschen alle gemeinsam duschen und mussten jeglichen Missbrauch und Entrechtung über sich ergehen lassen. Es ist mir ein Rätsel, wie Gottesdienste, die etwas Tröstliches und Gottesnahes verkörpern sollten, abliefen, während genau auf der anderen Seite eine trostlose und gottesferne ewige Qual auf so viele Seelen wartete.

 Wir sprechen immer über die große Zahl und über das Leid aller verfolgten Menschen, aber hautnah ließ sich die Geschichte eines einzelnen Lebens nachvollziehen mit dem angebotenen Workshop der Gedenkstätte. Die AG durfte sich mit Archivarbeit zu Inhaftierten auseinandersetzen und ziemlich schnell waren sich alle einig: Es ist einfach nicht denkbar, dass Menschen aus den banalsten Gründen ihrer persönlichen Rechte enthauptet worden sind. Die Quintessenz dieser Erfahrung liegt für uns darin, dass Geschichte nicht abstrakt bleibt, sondern konkreter wird. Wir dürfen nicht in Zahlen denken, sondern müssen an Menschen mit Namen, Gesichtern und Schicksalen erinnern.

Abschließend hier einige Eindrücke von Mitgliedern der AG:

„Eine bedrückende Stille, habe ich in Erinnerung, die in der Gedenkstätte spürbar wurde.“ -Selma K., E-L

 „Wir haben die Gedenktafel am Anfang und am Ende des Tages gesehen. Beim Anblick dieser am Ende wurde mir bewusst, dass all die Zahlen und Fakten, die wir vorher gehört hatten, hier zu Namen und Schicksalen verdichtet sind.“ -Anja D., E-FL2

 „Die Aktenarbeit sorgte dafür, dass die Geschichte plötzlich ein Gesicht hatte. Es ist wirklich schmerzlich, sich diese einzelnen Akten durchzulesen und realisieren zu müssen, dass hier ein Ort von ewigem Leiden war.“ -Lara H., E-L

 „Es ist für mich unvorstellbar, dass es wirklich Menschen gab, die ihren Gottesdienst abhalten konnten, während direkt daneben Inhaftierte tagtäglich gelitten haben.“ -Lisa N., E-L

(AG Jüdisches Leben)